Analysis Simulation Engineering

Zum Thema Crowd Management, also dem Erfassen von Besucherströmen, äussert sich Uri Schtalheim, Geschäftsführer der Firma ASE in Zürich. 

Welches sind die Dienstleistungen der Firma ASE, die ein Veranstalter in Anspruch nehmen kann?

ASE untersucht Areale auf ihre Sicherheit in Bezug auf den Personenfluss und unterstützt die Verantwortlichen in der Planungsphase. Weiter ermitteln wir optimale Positionen für Rettungsstandorte.

Vor dem Anlass:

  • Arealanalyse
  • Fluchtwege
  • Rettungskonzepte

Während dem Anlass:

  • Überwachung der Personendichten und Massnahmen zur Entlastung. Besuchermessungen. Personenströme-Erfassung.

Nach dem Anlass:

  • Nachanalysen und Optimierungsvorschläge für zukünftige Anlässe

Mit welchen Mitteln werden Personenströme erfasst?

Mit Kameras und entsprechender Software, die wir erfolgreich in über 25 Schweizer Bahnhöfen einsetzen, können die Personendichte, die Anzahl Personen und die Verweildauer gemessen werden. Dabei übermitteln die Kameras aus Gründen des Datenschutzes keine Bilder, sondern lediglich Daten. Bei veranstaltungsüblichen grossen Ein- und Auslassschleusen kann auch mit einem Laserstrahl gemessen werden. Dieser eignet sich insbesondere bei schlechten Lichtverhältnissen.

Gibt es gesetzliche Grundlagen für das Crowd Management in der Schweiz?

Nein, diese gibt es nur in Form von VKF-Vorschriften für den Innenbereich, für den Aussenbereich gibt es nichts. Sicherheitskonzepte und Massnahmen wurden bislang lediglich aufgrund von Erfahrungswerten und Annahmen entwickelt – ohne fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse.

Wie ist die Herangehensweise der von Ihrem Unternehmen entwickelten „Handlungsgrundsätze“?

Diese Empfehlung wird von unseren Partnern in Zürich, Bern, Basel, Luzern und Winterthur weithin verwendet. Die Methode basiert auf der Forschung der ETH Zürich im Bereich Personenfluss und gliedert sich in die fünf Bereiche Evakuierung, Verkehrswege, Personenrettung, gerichteter Personenfluss und Attraktionen. Bei Open-Air-Veranstaltungen ohne Zutrittskontrolle ist die Anzahl der Besucher meistens unbekannt. In den Handlungsgrundsätzen wurde die Fragestellung umgekehrt: Wie viel Fläche habe ich und wie viel Fluchtwegbreite benötige ich für dieses Areal?

Welches sind die zugrundeliegenden Kennzahlen für diese Methode?

Es wurde die Annahme getroffen, dass sich auf einem Veranstaltungsareal im Schnitt nicht mehr als 3 Personen pro qm aufhalten. Punktuell kann dies im Bereich von Attraktionen (z. B. Bühnen, Verkaufsstände) zu höheren Personendichten führen. Die Entfluchtungs- und Rettungszeit wurde auf 10 Minuten, analog der Zeit von Schutz und Rettung, festgelegt. Werden die Kennzahlen geändert und wird z. B. von einer Personendichte von 4 Personen pro qm ausgegangen, ändert sich der Quotient exponentiell.

Wie kann ich nun ein Veranstaltungsareal berechnen, das sich über mehrere Plätze und Strassen hinwegzieht?

Ein solches Flächenszenario wird in mehrere Abschnitte unterteilt. Wichtig ist dabei, dass nicht von einem in ein anderes Veranstaltungsareal hinein entfluchtet wird. Solche Systeme können sehr komplex werden, das nötige Fachwissen ist ab einer bestimmten Dimension unabdingbar.

Welche Möglichkeiten gibt es, Schwachstellen/Engstellen im Vornherein zu erkennen?

Auf Plänen oder bei Begehungen können Engstellen, Sackgassen und Schwachstellen wie z. B. dem Personenfluss entgegenwirkende, falsch platzierte Essensstände erkannt werden. Die Simulation von Personenströmen ermöglicht sehr genaue und hilfreiche Prognosen. Die Auswertung von Kamerabildern und Erfahrungen der Vorjahre ermöglicht weitere Erkenntnisse.

Welche Auswirkungen hat das Programm einer Veranstaltung auf die Personendichte?

Ein Highlight an einem zentralen Punkt (der Headliner des Abends oder ein Feuerwerk) kann aus einer locker stehenden Menschenmenge eine hochverdichtete Masse machen. Ähnliches findet statt, wenn eine grosse Menschenmenge nach dem Ende einer Veranstaltung zeitgleich in eine Richtung möchte. Wenn dann dort ein Engpass besteht (verengte Wegführung oder begrenzte Kapazität, Transportkapazität des ÖV), kann es sehr schnell zu kritischen Personendichten kommen. Die Menschen wissen nicht, warum es nicht vorwärts geht, kommen in Stress, erleiden Angstzustände und verhalten sich unkooperativ.

Wie kann man solche Situationen vermeiden?

Durch eine Programmgestaltung, die dezentrale Highlights liefert, gepaart mit einem Timing, das dem gleichzeitigen Auftreten von Besucherströmen entgegensteuert. Die gezielte Information des Publikums – etwa mit Prognosen zur Wartezeit im Parkhaus – ermöglicht uns, Spitzen abzufedern.

Ist meine Veranstaltung sicher, wenn ich mit Hilfe der Handlungsgrundsätze einen positiven Quotienten für mein Veranstaltungsareal ermittelt habe?

Mit Hilfe der Eckdaten Personendichte, Arealgrösse, Fluchtwegbreite und Rettungszeit, die in den Handlungsgrundsätzen berechnet werden, erhalte ich einen ersten Eindruck von meinem Veranstaltungsareal. Die weiteren Disziplinen müssen, wie teilweise in den vorhergehenden Fragen beschrieben, ebenfalls beleuchtet werden. Erst der Gesamteindruck kann zu einer Prognose führen. Eine absolut sichere Veranstaltung gibt es nicht, wir können immer nur Risiken minimieren bzw. in einen für uns akzeptablen Bereich bringen.

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