Gebäudeversicherung Kanton Zürich (GVZ)

Nicolas Ayer von der Gebäudeversicherung Kanton Zürich (GVZ) gibt Auskunft über Fluchtweg-Dimensionierung bei Open-Air-Veranstaltungen, Brandschutzrichtlinien und dem Blitzschutz. Und erklärt, dass das Feuer nicht zu den grössten Risiken eines Open-Air-Events gehört.

Was ist Ihre Aufgabe bei der GVZ und wie sind Sie zu Ihrer jetzigen Tätigkeit gekommen?

Ich habe zunächst als Elektroinstallateur gearbeitet und lange Jahre einen Club in Bülach betrieben. Dadurch kenne ich auch die Bedürfnisse eines Veranstalters gut. Inzwischen arbeite ich als Brandschutzexperte für die GVZ.

Ab welcher Grösse spricht man von einer Grossveranstaltung, und was bedeutet dies für das Genehmigungsverfahren?

Eine Veranstaltung gilt ab 5’000 Personen als Grossveranstaltung.
Bei bis zu 5’000 Personen ist die Feuerpolizei in der Gemeinde für die Abnahme der Brandschutzmassnahmen alleine zuständig. Ab dieser Grösse wird die zuständige kommunale Feuerpolizei bei der Beurteilung durch die Abteilung Brandschutz der GVZ unterstützt.
Alle Veranstaltungen unterstehen der Bewilligungspflicht des Polizeiwesens der Gemeinde, diese kann in ihrer Bewilligung die Zusammenarbeit mit der Feuerpolizei und die Umsetzung der feuerpolizeilichen Auflagen für den Veranstalter als bindend erklären.

Welche Dimensionen gelten für Notausgänge bei Open-Air-Veranstaltungen, und in welcher Vorschrift sind diese zu finden?

Für Fluchtwege im Freien gibt es die SN-EN 13200-1:2003 Zuschaueranlagen. In dieser Norm ist die maximale Durchlasskapazität der Ausgänge definiert. Diese bewegt sich bei einem eingezäunten Areal ohne Dach bei 450 Personen pro 1,2 m Fluchtwegbreite. Es ist also wichtig, Besucherzahlen richtig einzuschätzen. Der Ticketvorverkauf kann dazu einen Anhaltspunkt geben, genauso wie Erfahrungswerte bei jährlich wiederkehrenden Events. Wichtig ist, dass genügend Notausgänge vorhanden sind, besser einer zu viel als einer zu wenig. Notausgänge sind in der Regel kein grosser Kostenfaktor, da für die Einzäunung des Areals meistens Baugitter eingesetzt werden. Sobald der Event läuft, kann nicht mehr gross reagiert werden, eine seriöse Planung ist daher zentral.

Welches ist die grösste Gefahr für einen Open-Air-Event?

Die grösste Gefahr ist ein Unwetter, also Wind, Blitzschlag oder Hagel. Eine Open-Air-Bühne oder ein Festzelt halten beispielsweise nicht jeder Windgeschwindigkeit stand. Ab einer gewissen Windstärke muss weiträumig evakuiert werden. Die genauen Angaben sind aus dem Bauhandbuch der Bühne oder des Festzeltes zu entnehmen.

Gibt es Richtlinien und Arbeitsblätter, vergleichbar mit dem inzwischen nicht mehr gültigen GVZ-Merkblatt „Zeltbauten“?

Mit den neuen Brandschutzvorschriften 2015 der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherer (VKF) wurden auch die Merkblätter vereinheitlicht, so dass die Kantone keine eigenen Dokumente mehr herausgeben. Grundsätzlich gilt die Brandschutzrichtlinie „Flucht- und Rettungswege 16-15“ auch für die Zeltbauten. 

Thema Blitzschutz: Ab welcher Veranstaltungsgrösse erwarten Sie Massnahmen in diesem Bereich?

Ab 300 Personen muss jedes Zelt gegen Blitzschlag geschützt werden. Mit den bis Ende 2014 gültigen Vorschriften lag die Grenze bei 100 Personen. Mit den Brandschutzvorschriften 2015 wurden die Vorgaben gelockert, dass heisst aber nicht, dass nicht bereits bei kleineren Personenzahlen vorgesorgt werden kann.
Zum Schutz vor Blitzschlag kann bei den Zeltbauten die Erdung über die Aluminiumrahmen und die an jedem Ende vorhandenen Bodenplatte erstellt werden. Dort werden die Erdnägel eingeschlagen. Bei Bühnen empfehlen wir eine Erdung an allen vier Ecken über Erdspiesse. Die Verantwortung für die Wirksamkeit der Massnahmen liegt jedoch immer beim Veranstalter. Eine grosse Herausforderung sind die grossen Zirkuszelte mit Masten mitten im Zelt. Dort ist es wichtig, dass ein guter Erdkontakt geschaffen wird, denn die Wahrscheinlichkeit, dass der Blitz dort einschlägt, ist sehr gross. Zugleich ergibt sich dort das Problem von Spannungstrichtern – man müsste in einem Umkreis von ca. zehn Metern absperren, um eine Gefährdung der Besucher zu vermeiden.

Was versichert die GVZ an einem Open Air?

Fahrnisbauten – dazu zählen temporäre Bauten wie Zelte und Bühnen – sind durch die Gebäudeversicherung nicht abgedeckt.

Die Zuständigkeit liegt trotzdem von Gesetzes wegen bei der Gebäudeversicherung?

Nicht für die Versicherung, aber für den Brandschutz. Gemäss dem Gesetz über die Feuerpolizei und das Feuerwehrwesen (FFG), sowie zugehöriger Verordnung über den vorbeugenden Brandschutz und BSV 2015 fällt der Personenschutz, in den Fahrnisbauten in die Zuständigkeit der kommunalen Feuerpolizei bzw. der GVZ.

Wer kontrolliert den Veranstalter und seine Aufbauten vor Ort? Kann dies auch ein privater Brandschutzexperte sein?

Grundsätzlich liegt der Vollzug des Brandschutzes bei der Gemeinde, die Veranstalter können private Brandschutzexperten nur beratend beiziehen. Kleine Gemeinden lagern solche Aufgaben aber oft an ein privates Ingenieurbüro aus, das im Auftrag des Bauamtes als Feuerpolizei tätig ist. Aus Sicht eines Veranstalters ist es unerheblich ob die Gemeinde direkt oder über ein mandatiertes Büro diese Aufgaben erledigt. Bei grösseren Anlässen, also (ab 5000 Personen), zieht die Gemeindefeuerpolizei die GVZ zur Unterstützung hinzu.

Welche Interventionsmöglichkeiten habe ich, falls ich mit den Auflagen der Feuerpolizei nicht einverstanden bin?

Der Vollzug liegt bei der Gemeindefeuerpolizei, bei Unstimmigkeiten kann die Abteilung Brandschutz der GVZ als Aufsichtsbehörde hinzugezogen werden. Der Rechtsweg führt über das Baurekursgericht des Kantons Zürich.

Ist das schweizweit so organisiert?

Nein, da die Feuerpolizei in der Hoheit der Kantone fällt, weichen die Zuständigkeiten und Prozesse in den einzelnen Kantonen teilweise voneinander ab. So finden beispielsweise nicht in allen Kantonen behördliche Abnahmen statt. 

Kann ich eine Abnahme von der Behörde verlangen, damit ich auf der sicheren Seite bin?

Nein. Die Behörde entscheidet, ob sie eine Abnahme durchführt.

Das heisst, der Veranstalter muss mit seinem Risiko leben?

Die Gesamtverantwortung verbleibt wie bei der Erstellung eines Gebäudes beim Bauherren resp. bei Events beim Veranstalter. Aber bei guter Planung und Umsetzung von Massnahmen ist das Risiko klein.

Wo geht es hin im Zusammenhang mit Brandschutz und Open Airs?

Das Thema Brandschutz wird bei allen Open Airs, mit denen wir zu tun haben, gross geschrieben und meist hinreichend berücksichtigt. Naturgefahren wie Unwetter werden bezüglich ihrer Risiken nach wie vor unterschätzt und verdienen künftig mehr Aufmerksamkeit.

Was die Veranstaltungssicherheit im Allgemeinen betrifft, würden wir es begrüssen, wenn vermehrt gut strukturierte Koordinationssitzungen mit allen Beteiligten stattfinden würden. Ob ein Sicherheitskonzept auf Hochglanzpapier ausgedruckt wird, steht nicht im Vordergrund – es muss nur gut und praktikabel sein Wichtig ist vor allem, die Abläufe und die Personen mit ihren Funktionen zu kennen. Ein Sicherheitskonzept, das in der Schublade verschwindet, dass nicht gelebt wird, ist überflüssig. Wir müssen im Ereignisfall reagieren können, und das schnell. Kommunikation muss deshalb leben und nicht nur auf dem Papier stattfinden. 

TA 2015

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