Hallenstadion AG, Zürich

Wie arbeiten Veranstalter und Betreiber bei der Erstellung eines Sicherheitskonzepts zusammen? Wie werden sicherheitsrelevante Informationen verbreitet? Felix Frei, CEO der Hallenstadion AG, gibt Auskunft – und wagt eine Einschätzung über die künftige Entwicklung im Bereich Stadionsicherheit.

Wie ist Ihr Werdegang, und was beinhaltet Ihre Position als CEO? 

Ich komme aus dem Sportbereich. Ich war 11 Jahre lang Leiter des Schweizer Leichtathletikverbandes, anschliessend war ich im Tourismus tätig – unter anderem war ich in meiner Funktion als Tourismusdirektor im Kernteam des Ski-Weltcup in der Lenzerheide. Danach übernahm ich die Leitung der Hallenstadion AG.
Die Hallenstadion AG bildet als Vermieterin der Location und als Eventservice-Dienstleisterin die Schnittstelle zum Veranstalter. Als CEO führe ich die ganze Unternehmung zusammen mit drei weiteren Geschäftsleitungsmitgliedern, welche die Bereiche Finanzen und Service, Produktion und Betrieb sowie den Bereich Marketing, Sales und Booking vertreten. 

Welche Veranstaltungen bilden den Schwerpunkt im Hallenstadion?

Wir decken die Bereiche Sport, Entertainment, Shows und Corporate Events ab, wobei der Entertainment-Bereich insgesamt der Grösste ist. 

Wie ist das Sicherheitsdispositiv in Ihrem Haus organisiert? Gibt es einen Sicherheitsverantwortlichen?

Wir arbeiten im Sicherheitsbereich, wie in vielen anderen Bereichen auch, mit externen Dienstleistern zusammen. Um den hausrechtlichen Teil kümmern wir uns jedoch selbst. Die Hallenstadion AG ist für die Sicherheit vor dem Stadion und für die Hülle verantwortlich – also für die Zutrittskontrolle sowie für die gemischten Publikumsbereiche wie Restaurantbetriebe und Umgänge in der Halle. In der Arena selbst ist der Veranstalter für die Sicherheit zuständig, inklusive Künstlerbereiche wie Garderoben. Die Grenze bilden die Übergänge zwischen der Arena und den Umgängen und Treppenhäusern. Das heisst, in unserem Sicherheitsaufgabenbereich liegt im Wesentlichen die Ticketkontrolle, das Searching, die Platzanweisung, das Freihalten der Notausgänge und die personelle Ausstattung dieser Bereiche. Die Innenraum-Security wird dagegen vom Veranstalter organisiert und bereitgestellt, welcher zum Teil aber auch uns damit beauftragt. 

Wie ist die Zusammenarbeit zwischen dem Veranstalter und der Hallenstadion AG organisiert?

Es gibt – als Bestandteil des Mietvertrags – ein Basis-Sicherheitskonzept. In diesem sind alle wesentlichen Punkte geregelt, etwa Personal- und Aufgabenverteilung, Alarmierungssituation und Alarmstruktur. Der Veranstalter bringt sein eigenes Sicherheitskonzept, welches dann mit unserem Sicherheitskonzept zusammengefügt wird.
Auch die Personaleinsätze werden aufeinander abgestimmt, denn der Veranstalter wie auch wir haben einen separaten Sicherheitsverantwortlichen. Bei jeder Veranstaltung stellen beide Seiten ein Geschäftsleitungsmitglied. Im Alarmfall, etwa bei einer Bombendrohung, entscheidet ein übergeordnetes Gremium über einer mögliche Räumung der Halle. 

Das heisst, Ihr Projektleiter stimmt sich mit dem Sicherheitsverantwortlichen des Veranstalters im Vorfeld ab?

Bei der Startsitzung für einen Event arbeiten wir gemeinsam mit dem Veranstalter eine Checkliste ab und klären auch sicherheitsrelevante Fragen:  Um was für ein Publikum handelt es sich? Wie hoch ist die Gewaltbereitschaft, wie ist das politische Umfeld der Veranstaltung? An der Startsitzung werden die wichtigsten Risikofaktoren gemeinsam mit dem Veranstalter ermittelt, und aufgrund dieser Erkenntnisse wird festgelegt, ob es sich um einen Standard-Event handelt, bei dem eine durchschnittliche Personaldisposition ausreicht, oder ob es mehr oder weniger Personal braucht. Einer unserer Projektleiter betreut den Veranstalter von der Startsitzung bis zum Debriefing und ist für die Umsetzung des Sicherheitsdispositivs zuständig. Eine zusätzliche Kontrollfunktion übernimmt in diesem Bereich unser Leiter Betrieb und Produktion.

Verwenden Sie ein Punktesystem, um die Risikoklassifizierung vorzunehmen?

Wir hatten bislang kein Punktesystem. Wir entscheiden jeweils gemeinsam anhand von wenigen Kernfragen, wie viel und welches Personal wir benötigen. Wir haben nach den Ereignissen in Paris alle unsere Sicherheitsdispositive überarbeitet. Ein Ergebnis dieser Arbeit ist, dass wir den Sicherheitscheck etwas ausführlicher gestalten und die Beurteilung mit einem Raster lösen. Dabei sollen auch externe Gefahren miteinbezogen werden – z. B. mögliche Demonstrationen. Als unmittelbare Reaktion ziehen wir das Searching noch konsequenter durch, neu auch bei den VIPs. Bei jedem Event, den wir als unsicher einstufen, tauschen wir uns mit der Polizei über die Gegebenheiten aus. Die Polizei entscheidet daraufhin, ob sie vor Ort sein wird.

Wer sitzt in der Sicherheitsloge und wie ist die Überwachung des Publikums organisiert?

Die Videoüberwachung muss vom Veranstalter organisiert werden. Bei einem risikoreichen Event werden die Kameras gezielt gesteuert; bei einem risikoarmen Event wird nur aufgezeichnet und die Ausrichtung der Kamera dem Zufall überlassen. Behördenvertreter sind in der Regel nur anwesend, wenn Gefahr im Verzug ist. Bei jedem Anlass mit über tausend Personen sind aber generell die Feuerwache sowie Sanitäter und Ärzte im Haus. 

Welche Erfahrungen haben Sie mit unerfahrenen Veranstaltern in Bezug auf die Erstellung eines Sicherheitskonzeptes gemacht?

Bei einem Standardevent ohne erhöhtes Risiko ist unser Basis-Sicherheitskonzept eine Hilfe für  unerfahrene Veranstalter und reicht in der Regel auch aus. 

Lesen Behörden überhaupt Sicherheitskonzepte? Was sind ihre Anforderungen?

Wir sind in einem regen Austausch mit den Behörden. Wir haben auch eine generelle Bewilligung für sämtliche Events im Hallenstadion. Es kann auch sein, dass die Behörden im Vorfeld bestimmte zusätzliche Auflagen machen, je nach Analyse der Risikopotenziale.

Wie stellen Sie sicher, dass die maximal zulässige Besucherkapazität nicht überschritten wird?

Wir verlangen von jedem Veranstalter, dass seine Tickets elektronisch lesbar sind. Wir scannen jedes Ticket beim Ein- und beim Austritt und wissen so immer, wie viele Besucher sich im Gebäude aufhalten. Erfahrungsgemäss erscheinen bei 13000 verkauften Tickets jeweils weniger Besucher. Die No-show Rate kann gut 10% ausmachen, aber das sehen wir auch auf der Zutrittskontrolle. Wir hatten auch schon Party-Events, bei denen der Veranstalter zu viele Tickets verkauft hat, da mussten einige Gäste so lange auf Einlass warten, bis genügend Gäste die Halle wieder verlassen hatten.  

Verwenden Sie RFID-Chips?

Im Vergleich zu einem Fussballstadion, welches bis zu 90% Stammkundschaft hat, haben wir zu 90% wechselndes Publikum.Aus diesem Grund sind RFID Technologien bei uns noch nicht im Einsatz, weder für Ticketing noch für Bezahlsysteme. Die ZSC Lions entscheiden selber, ob ihre Saisonkarten mit Chip ausgerüstet sind oder nicht. Unser Zutrittssystem kann diese lesen. 

Wie viele Mitarbeiter sind bei einem durchschnittlichen Konzert in Ihrem Sicherheitsdispositiv vorgesehen – und wie lange dauert die Entleerungszeit?

Bei einem Konzert sind alleine im Sicherheits- und Aufsichtsbereich bis zu 140 Personen tätig. Die Entleerungszeit ist auch etwas vom jeweiligen Setup in der Arena abhängig, beträgt im Durchschnitt aber wenige Minuten.

Wie verbreiten Sie Sicherheitsinformationen?

Standard sind vorgefertigte Durchsagen, die über Lautsprecher zu den Besuchern gelangen. Gegebenenfalls können wir auf diesem Weg auch situationsabhängige, live gesprochene Durchsagen wiedergeben.
Die Fluchtweg-Ausschilderung ist im Hallenstadion sehr gut, dennoch nutzen wir in naher Zukunft  auch noch die über der Arena hängenden LED-Banden, um die Besucher vor dem Beginn einer Veranstaltung über das richtige Verhalten im Notfall zu Informieren – ähnlich wie in einem Flugzeug. Gerade bei „Teenager-Konzerten“ warnen wir ausserdem regelmässig vor Taschendieben.

Wohin geht der Trend im Bereich Veranstaltungssicherheit? Was sind die dringlichsten Aufgaben?

Der Trend geht leider immer mehr hin zum Ausbau technischer Überwachungsmassnahmen. Dies ist wahrscheinlich eine Folge der Bedrohungslagen, mit der unsere westliche Welt mehr und mehr konfrontiert wird. Sicherheits-Auflagen werden wahrscheinlich vermehrt nicht nur von behördlicher Seite kommen, sondern auch von den Künstlern. Dass amerikanische Künstler verlangen, jeden Besucher durch einen Metalldetektoren zu schicken, wird wohl bald nichts mehr Aussergewöhnliches sein, davon bin ich überzeugt. Dies wird allerdings neben einer Ticketpreiserhöhung auch eine verlängerte Einlasszeit und weitere logistische Herausforderungen zur Folge haben. Konzertbesucher werden sich wohl oder übel an Situationen wie bei der Passagierabfertigung am Flughafen gewöhnen müssen. 

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