MeteoSchweiz

Wind, Regen, Hagel und Blitze gehören zu den grössten Risiken für Veranstaltungen unter freiem Himmel. Daniel Gerstgrasser von MeteoSchweiz spricht über Themen wie Vorwarnzeiten für Gewitter, Eingrenzen einer Wetterprognose – und darüber, wie exakt eine Wetterprognose überhaupt ausfallen kann.

Wie ist Ihr Werdegang und was ist Ihre Aufgabe bei MeteoSchweiz?

Ich arbeite seit 13 Jahren im Schichtdienst bei MeteoSchweiz im Bereich Prognose. Wir erstellen Prognosen für verschiedene Kunden – ein Standbein ist Flugwetter, ein anderes sind Prognosen für die Bevölkerung sowie Warnungen. Ich selbst habe Meteorologie in Innsbruck studiert, da dies in der Schweiz nicht möglich ist.

Decken Sie vom Flughafen Zürich die ganze Schweiz ab, oder gibt es noch Aussenstellen?

Es gibt zwei Aussenstellen: Eine ist in Genf und eine in Locarno-Monti. Wir haben zweimal täglich Telefonkonferenzen, damit das Wetter an Übergangsgebieten wie z. B. dem „Röstigraben“ nicht komplett unterschiedlich ausfällt. Natürlich auch, um sich abzusprechen, was ist gerade aktuell ist, welche Warnungen wir herausgeben, wo es Probleme gibt. In der Nacht gibt es im Tessin keinen Meteorologen, dann sind wir zuständig.

Gibt es mitunter Meinungsverschiedenheiten, was die Prognosen anbelangt?

Es gibt kleinste Interpretationsunterschiede. In der Regel ist man aber sehr nahe beieinander. Für die Absprache gibt es die Telefonkonferenzen. 

Wie genau können Sie eine Prognose auf ein bestimmtes Areal eingrenzen, etwa auf ein Open-Air-Gelände?

Das ist sehr unterschiedlich und hängt vom Wetterphänomen ab. Grosse, gut organisierte Störungen aus Westen kann man sehr gut vorhersagen, teilweise auf die Stunde genau. Ein grösseres Problem sind Sommergewitter: Man kann zum Beispiel am Vortag einer Veranstaltung nicht sagen, wo am nächsten Tag genau ein Gewitter durchzieht. Effektiv kann vor einem  Gewitter erst gewarnt werden, wenn es auf dem Radar sichtbar ist. Dann kann es getrackt werden und man sieht, wo es hinziehen wird. Dann ist eine sehr genaue Warnung möglich, allerdings ist die Vorwarnzeit dann knapp. Eine Stunde ist gut, oft ist eine Vorwarnung aber erst 15 Minuten vor dem Einsetzen des Gewitters möglich.

Beziehen die verschiedenen Wetteranbieter ihre Daten alle von derselben Stelle, oder verfügen sie über eigene Messstationen?

Das beste Beispiel ist vielleicht das Radarbild, auf dem man sieht, wohin der Niederschlag zieht. Da haben alle dieselben Daten von MeteoSchweiz, da wir die einzigen sind, die solche Stationen in der Schweiz betreiben. Es ist ziemlich teuer, ein solches Radargerät aufzustellen und zu betreiben. Es gibt aber auch private Wetterdienste, die eigene Wetterstationen aufgestellt haben. In diesem Bereich gibt es eine unterschiedliche Datenbasis.

Macht es Sinn, die verschiedenen Wetterdienste zu vergleichen? Die Unterschiede bei den Prognosen sind doch recht gross.

Es ist zu empfehlen, zwei bis drei verschiedene Wetterdienste miteinander vergleichen, insbesondere die Textprodukte. Diese werden vom Meteorologen erstellt und sind nicht automatisiert wie die grafischen Darstellungen mancher Apps. Dann wird es sehr viele Fälle geben, in denen die Prognosen sehr ähnlich ausfallen, dann kann man davon ausgehen, dass die Vorhersagbarkeit sehr hoch ist.

Welche Möglichkeiten habe ich als Veranstalter, mich über das Wetter beraten zu lassen?

Über die allgemeine Beratungsnummer, 0900 162 333. Ein Anruf kostet CHF 3.– pauschal und CHF 1.50 pro Minute. Diese Nummer wird teilweise von Veranstaltern genutzt, das Problem ist jedoch, dass das Durchkommen insbesondere an Wochenenden, wenn die Leitung stark frequentiert ist, manchmal schwierig ist. Deshalb gibt es für Veranstalter ein spezielles Angebot, bei dem sie eine direkte Nummer des diensthabenden Meteorologen erhalten. Dem Meteorologen liegen Daten wie z. B. Ort und Dauer der Veranstaltung bereits vor, sodass er bei einem Anruf direkt mit der Beratung beginnen kann. Dieser Service steht 24 Stunden zur Verfügung.

Mit welchen Kosten muss ein Veranstalter für diesen Service rechnen?

Die Beratung ist sehr preiswert, jeder Veranstalter sollte sich das leisten können. Eine telefonische Beratung für bis und 3 Wochenenden/Wochen kostet CHF 300.– exkl. Steuer. Für länger dauernde Anlässe erstellen wir gerne eine separate Offerte. Dieser Service wird auch sehr stark genutzt, gerade seit dem Turnfest in Biel haben die Anfragen sehr stark zugenommen. Wir haben nach dem Turnfest gemerkt, dass seitens der Veranstalter eine grosse Unsicherheit besteht.

Ich sehe auf der Website von MeteoSwiss ein Wetterphänomen, kann aber nicht einordnen, ob es meinen Event beeinflussen wird oder nicht. Wie beraten Sie mich?

Grundsätzlich empfehlen wir einem Veranstalter, für sein Gebiet alle Warnungen zu abonnieren, die eleganteste Möglichkeit dazu bietet die MeteoSchweiz-App. Da haben wir jeden Tag einen Warnausblick für die nächsten 5 Tage. Wenn etwas Gröberes kommt, kann man das relativ früh sagen. Wir können zumindest 3 Tage im Voraus darauf hinweisen, ob mit viel flächigem Niederschlag und Überschwemmungen zu rechnen ist. Bei Gewittern können wir zumindest grossflächig sagen, ob der Veranstaltungstag heikel werden könnte. Durch die App ist der Veranstalter zumindest schon einmal vorgewarnt. Wenn es um einen konkreten Tag geht, rufen die Veranstalter in der Regel an. Dann beschreiben wir, womit wir rechnen und wann wir die heikelste Zeit erwarten. Gegebenenfalls empfehlen wir den Veranstaltern, zu einem späteren Zeitpunkt noch mal anzurufen. Im Idealfall hat ein Veranstalter immer ein Auge auf den Wetterradar und ruft an, wenn ihm etwas „komisch vorkommt“. Was wir nicht anbieten, ist eine Wetterüberwachung für einen einzelnen Kunden oder ein spezifisches Open-Air – dies ist aufgrund unserer beschränkten Kapazitäten nicht möglich.

Inwieweit können Sie einem Veranstalter helfen, wenn aufgrund eines herannahenden Unwetters entschieden werden muss, ob die Veranstaltung abgebrochen werden muss?

Ich selber war noch nie in der Situation, dass ich so etwas einem Veranstalter hätte empfehlen müssen. Unsere Philosophie ist: Wir beschreiben, was wir meteorologisch erwarten, entscheiden muss schlussendlich immer der Veranstalter. Ein schönes Beispiel ist eine mehrere Jahre zurückliegende Open-Air-Veranstaltung: Der Veranstalter hatte keinen Vertrag mit uns und hatte uns nicht angerufen. Trotzdem haben wir versucht, den Veranstalter zu erreichen und ihn vor dem Gewitter zu warnen.

So weit wird hier sogar mitgedacht, dass man einen Veranstalter telefonisch warnt?

Das war ein Spezialfall, weil man ja wusste, dass es sich um eine grosse Veranstaltung handelte. Da waren bei uns alle ein bisschen sensibilisiert. Zum Schluss hat der Veranstalteter auch noch behauptet, er hätte einen Vertrag mit uns gehabt, was leider nicht so gewesen ist. Das ist sehr speziell gelaufen. Vor dieser Gewitterzelle hätten wir den Veranstalter sehr gut warnen können, da wir diese schon frühzeitig auf dem Radar gesehen haben.

Wie definiert eine Schlechtwetterversicherung schlechtes Wetter?

Wir liefern den Versicherern Grundlagen aus der Klimatologie, wir verfügen über Daten von vielen Stationen, anhand derer der Versicherer sein Risiko berechnen kann. Eine Schlechtwetterversicherung wird immer an einer bestimmten Niederschlagsmenge pro Tag festgemacht. Da wird für ein bestimmtes Gebiet eine Wetterstation definiert, die mit geeichten Messgeräten ausgestattet ist und eine lange Beobachtungsreihe besitzt.

Gibt es eine Statistik, die mir als Veranstalter sagt, an welchen Tagen die Niederschlagswahrscheinlichkeit besonders hoch ist?

Das ist gerade im Sommer heikel, und soviel ich weiss, gibt es keine Statistiken auf Tagesbasis. Schauen Sie sich den Juli in diesem und im vergangenen Jahr an – einmal Hochsommer und einmal fast schon Herbst. Jahreszeitliche Betrachtungen machen da schon eher Sinn: So ist die Wahrscheinlichkeit für einen schönen Tag ohne Gewitter im Oktober viel höher als im Juli oder August. 

Was bringt die Zukunft im Bereich Meteorologie/Klimatologie? Welche Trends zeichnen sich ab, und wie könnte sich das auf Veranstaltungen auswirken?

Grundsätzlich ist die Meteorologie ein Feld, das sich stetig weiterentwickelt. Im Moment, wenn ich von MeteoSchweiz ausgehe, gibt es einen laufenden Prozess, in dem man versucht, die räumliche Auflösung der Prognosemodelle weiter zu steigern. Das Modell, mit dem wir arbeiten, hat eine Auflösung von zwei Kilometern, es wird im Prinzip alle zwei Kilometer das Wetter berechnet. Das nächste Modell mit einem Kilometer Auflösung ist bereits im Test und kommt im nächsten Jahr zum Einsatz. 

TA 2015

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