Open Air Frauenfeld

André Rindlisbacher vom Open Air Frauenfeld spricht über das Sicherheitskonzept, die Zusammenarbeit mit den Behörden, die grössten Risiken – und weshalb es auf dem OAF drei verschiedene Security-Unternehmen gibt.

André, wie sieht dein Werdegang aus, und wie bist du zu deiner Tätigkeit als Sicherheitsverantwortlicher gekommen?

1993 war ich das erste Mal am „Out in the Green“, wie das Festival damals hiess. Mit-Organisator war der Fussballclub Frauenfeld. Ich war damals Spieler des FC Frauenfeld und habe schon eine gewisse Verantwortung für gewisse Bereiche übernommen, hatte aber noch nichts mit Sicherheit zu tun. Nach dem Konkurs des „Out in the Green“ hat sich eine neue Organisation gebildet, in der ich als Verantwortlicher für den Helferverein „Mitgeholfen“ tätig war. Diese Organisation ist aber im Jahr 2000 auch untergegangen. 2002 wurde erneut gestartet, das war der einzige Zeitpunkt, zu dem ich nicht aktiv dabei war. Wolfgang Sahli, der heutige Verwaltungsratspräsident und Hauptaktionär der First Event AG, hat das damals zum ersten Mal organisiert. Das hat aber auch nicht funktioniert. In der Folge wurde 2004 eine Auffanggesellschaft gegründet und ich wurde gefragt, ob ich mich finanziell beteiligen wolle, was ich dann auch getan habe. So hat es sich ergeben, dass ich wieder ins OK gekommen bin – bei der Verteilung der Jobs habe ich den Sicherheitsbereich übernommen.

Was machst du beruflich?

Zusammen mit meinem Bruder betreibe ich eine Firmengruppe im Bereich Informatikdienstleistungen, Personalvermittlung, Consulting und Immobilien. Wir haben 35 Festgestellte und 200 Verleih-Mitarbeiter. Ich bin im Unternehmen für die Finanzen und die Administration zuständig. 

Gibt es Überschneidungen, Erfahrungen, die man von dem einen in den anderen Bereich einbringen kann?

Eigentlich nur Lebenserfahrung, im Bereich Sicherheit war alles „learning by doing“. Sicher: Im Bereich Personalführung ist die Erfahrung, die ich als Unternehmer habe, sicher von Vorteil. Um einen solchen Event aufzubauen, braucht es „Macher“, und das sind alle in diesem OK. 

Wie sieht die Zusammenarbeit mit den Behörden aus, welche Vorgaben gibt es von dieser Seite?

Seitens der Stadt gibt es Vorgaben zu den Themen Lärm und Umweltschutz. Das Gelände, die Pferderennbahn, auf der wir uns hier befinden, gehört der Army Swiss. Dazu gibt es ein Handbuch, welches in Zusammenarbeit mit den Behörden, der Stadt, der Armee und den Umweltverbänden entstanden ist und sämtliche Vorgaben enthält. Dabei dient auch unser Sicherheitskonzept zur Einhaltung der Vorgaben. Wir haben die Bewilligung, die Hauptbühne bis morgens um eins zu bespielen. Und dann gibt es natürlich Lärmbegrenzungen – überall gibt es gewisse Begrenzungen ...

Wie sieht die Lärmbegrenzung im Detail aus?

Da heisst es z. B., dass wir 100 db im Partybereich nicht überschreiten dürfen.

Das wird vor Ort gemessen oder beim nächsten Anwohner?

Jedes DJ-Pult und die beiden FOHs sind mit Messgeräten ausgestattet, die Messungen werden aufgezeichnet. Wir haben Beauftragte der Stadt, die die Messungen kontrollieren und uns dann sagen, ob es gut war oder nicht.

Hat man als Veranstalter eine gewisse Rechtssicherheit, was die Durchführbarkeit eines Anlasses angeht, wenn man sich an die Vorschriften hält?

Als Veranstalter hat man nie eine hundertprozentige Rechtssicherheit. Sofern man sich aber an alle Vorgaben hält und alles nach besten Wissen und Gewissen tut, sollte man kein Rechtsproblem haben. Wir haben täglich morgens um zehn Polizeirapport, bei dem wir uns mit den Blaulichtorganisationen treffen. Dort wird besprochen, was vorgefallen ist. Wir hatten am Mittwoch und am Donnerstag je eine Beschwerde wegen Lärmbelästigung – nur je eine! Lustigerweise kamen beide Beschwerden von sehr weit entfernten Orten. Leute in Frauenfeld und Umgebung wissen: Jetzt ist Open Air, und in dieser Zeit gibt es eine erhöhte Lärmbelästigung. Wir haben jedes Jahr nicht mehr als drei bis vier Anrufe wegen Lärmklagen, also äusserst wenig.

Heisst das, das Festival ist von der Bevölkerung anerkannt und gewollt?

Genau. Es sind natürlich viele, die auch selber als Besucher oder Helfer herkommen, oder Eltern, deren Kinder hier sind. Mann weiss, dass jedes Jahr am zweiten Juliwochenende das OAF stattfindet, dementsprechend ist es kein Problem.

Wie viele Mitarbeiter hat das OAF insgesamt, und wie viele davon im Sicherheitsbereich?

Insgesamt haben wir ca. 2000 Helfer im Einsatz, genau kann ich das aber nicht sagen. Im Bereich Sicherheit Arbeite ich mit vier verschiedenen Security-Unternehmen zusammen, diese haben je zwischen 70 und 100 Personen im Einsatz. Nicht gleichzeitig, sondern im Schichtbetrieb. Es gibt viele Posten, z. B. an den Eingängen, die während der gesamten Veranstaltung besetzt sein müssen.

Weshalb braucht es dazu drei verschiedene Security-Unternehmen? Können die einzelnen Unternehmen nicht genügend Personal aufbringen?

Es ist mehr eine Sache der Qualität, dass die Unternehmen das nicht hinbekommen. Jedes Security-Unternehmen könnte die benötigten Mitarbeiter zusammensammeln, es sind aber noch andere Events an diesem Wochenende, so könnten sie die geforderte Qualität nicht gewährleisten. Wir haben von Anfang an gesagt, dass wir das aufteilen möchten. Früher hatten wir die jetzige Camping-Security, die alles gemacht hat. Dann haben wir gemerkt, dass die Qualität nicht mehr stimmt. Es war zwar um einiges günstiger, wir haben uns aber für den Weg der Professionalisierung entschieden. Deshalb müssen wir auch in diesem Bereich professionell auftreten. Heute haben wir für den Festivalbereich eine Security, für den VIP eine Security, und im Backstage haben wir seit eh und je die gleiche Firma. Das hängt damit zusammen, dass dies die Firma unseres Booking-Verantwortlichen ist. Ich bin sehr zufrieden mit dieser Konstellation, mit der wir nun schon seit fast acht Jahren arbeiten.

Was ist der Preis für einen Security-Mitarbeiter, wenn die Qualität stimmen soll?

Wir bezahlen für einen Security-Mitarbeiter je nach Aufgabe zwischen 42 und 57 Franken auf die Stunde. Dazu stellen wir Verpflegung und bei Bedarf eine Unterkunft zur Verfügung . Die Unternehmen sind angewiesen auf den Mindestlohn und unterstehen einem Gesamtarbeitsvertrag. Dadurch sind die Kosten in den letzten Jahren um einiges gestiegen, was die Sicherheit anbetrifft, in diesem Bereich investieren wir viel. Ich glaube, es gibt andere Open Airs, die auch noch mit Freiwilligen die Sicherheit machen. Da haben wir überall Profis im Einsatz.

Wie viele Profis und wie viele Freiwillige sind in der Sicherheit im Verhältnis tätig?

Was heisst Profi? Das muss vielleicht definiert werden. Ein Security-Unternehmen hat vielleicht zehn Festangestellte, die anderen sind aus einem Fundus von mehreren 100 Personen. Die sind geschult, kommen aber nur temporär zum Einsatz und verfügen im Vergleich zu den „Profis“ über etwas weniger Erfahrung.

An den Einlassschleusen habe ich einen Security-Mitarbeiter im Hintergrund gesehen und viele Helfer im Vordergrund. Werden die Helfer für ihre Aufgaben speziell geschult?

Es sind jedes Jahr die gleichen Helfer, diese bekommen kurz vor ihrem Einsatz eine Schulung, wo ihnen gesagt wird, was Sie zu tun haben, worauf sie achten müssen, und dann läuft das. So bald es ein Problem gibt, haben wir einen Security-Mitarbeiter vor Ort.

Gab es von Anfang an ein Sicherheitskonzept?

Zunächst hatten wir mit dem damaligen Sicherheitsunternehmen ein rudimentäres Sicherheitskonzept aufgestellt. Ein richtiges Sicherheitskonzept haben wir 2009 in Zusammenarbeit mit einer bekannten Thurgauer Sicherheitsfirma entworfen. Das wächst natürlich und wird dementsprechend angepasst.

Was war der Grund für ein Sicherheitskonzept – hat die Gemeinde eins verlangt?

Nein, das kam auf Grund eigener Erkenntnis. Wenn wir mit verschiedenen Sicherheitsfirmen arbeiten, braucht es eine Basis, ein Gerüst, auf das sie sich stützen können. Die Stadt hat das natürlich begrüsst, und als wir uns entschieden haben, in Richtung Professionalisierung zu gehen, mussten wir auch ein dementsprechendes Konzept erarbeiten.

Welches ist das grösste Risiko, das ihr im Sicherheitskonzept behandelt habt?

Sturm – das ist immer das grösste Risiko, bei Feuer kann fast nichts passieren. Attentat, Bombendrohung – das sind alles Themen, die wir im Konzept drin haben, aber das Hauptthema ist Sturm und die damit verbundene Interventionsgrenze. Es gibt vier verschiedene Sturmwarnungen, wir haben drei Stufen definiert mit Weisungen, die dann durch das Sicherheitspersonal umgesetzt werden.

Sind das Stufen, die man zusammen mit dem Veranstalter definiert hat? Oder wie wird sichergestellt, dass die festgesetzten Grenzen eingehalten werden?

Die Ersteller der Bauten müssen uns sagen, welchen Windgeschwindigkeiten ihre Bauten standhalten. Wenn wir über die Grenze hinausgehen und das Gelände nicht räumen, liegt die Verantwortung bei uns. 

Wie trifft man Entscheidungen im Zusammenhang mit Abbruch und Räumung?

Das sind immer wieder die grossen Themen! Wir haben einen Krisenstab, der dann einberufen wird, sobald die Warnstufe kommt. Im Krisenstab sitzen der Einsatzeiter und der Mediensprecher der Kantonspolizei, ein Vertreter der Stadt, der Einsatzleiter der Sanität und ich als Vertreter des Veranstalters. Es hat wenig Personen im Krisenstab; unser Geschäftsführer Rene Götz wird im Ereignisfall in der Regel auch mit dabei sein. Kommt eine Gewitterzelle auf uns zu, muss rechtzeitig eine Entscheidung gefällt werden, wenn wir zu lange abwarten, ist eine rechtzeitige Evakuierung nicht mehr möglich. Auch die Polizei hat uns die letzten Jahre immer wieder mit diesem Thema konfrontiert. Zusätzlich wurde diese Thematik durch den Todesfall, den wir nach einer Veranstaltung hatten, angeheizt.

Gibt es ein Evakuationskonzept für den Fall eines Unwetters für den Campinglatz?

Ja, wir haben das Gebiet in Sektoren unterteilt, es stehen grosse Freiflächen für die Besucher zur Verfügung. Allerdings – und das sagt sogar der Einsatzeiter der Kantonspolizei – wird es bei einem Unwetter kaum möglich sein, die Leute aus ihren Zelten zu bekommen. Aus meiner Sicht sind sie in den Zelten auch noch relativ sicher.

Welches Ziel empfehlt Ihr den Festivalbesuchern im Falle einer Räumung?

Das Auto oder eben den Campingplatz – aber auch hier stehen Freiflächen zur Verfügung.

Wer entscheidet schlussendlich im Krisenstab?

Die oberste Verantwortung hat schlussendlich die Polizei. Der Einsatzleiter der Polizei wird eine Empfehlung abgeben, die wir dann mittragen oder nicht. Wer entscheidet schlussendlich? Wir müssen es gemeinsam entscheiden. Es wird dann wahrscheinlich eine Abstimmung geben. Wir von Seiten des Veranstalters unterbrechen lieber und machen eine halbe Stunde nichts, bevor wir ein Risiko eingehen. Wenn etwas passiert, und man hat nichts gemacht, hat man das grösste Problem. Wir haben mit dem Sicherheitskonzept, in dem die Interventionsgrenzen festgelegt und die Einsatzszenarios beschrieben sind, ein sehr hilfreiches Tool an der Hand, dadurch können wir mit Sicherheit sagen, dass wir nach bestem Wissen und Gewissen handeln werden.

Gibt es eine definierte Personendichte, die nicht überschritten werden soll?

Ja, wir haben von Seiten der Stadt 50`000 Personen als Limit.

Gibt es auch eine festgelegte maximale Personendichte pro qm?

Nein, diese gibt es nicht. Wir haben einen Wellenbrecher, der den Druck zur Bühne mindert. Unmittelbar vor der Bühne steht dann noch eine zweite Crowd Barrier für den direkten Bühnenschutz. In den vorderen Bereich zwischen erster und zweiter Barrier werden kontrolliert Leute eingelassen, bevor es voll ist, schliessen wir diesen Bereich.

Wird der Zufluss gezählt?

Nein, das schätzen wir. Es muss einfach noch genügend Platz haben, damit sich alle gut bewegen können.

Was macht Ihr bei einem Stromausfall?

Wir haben drei Generatoren auf Platz, die zusammengehängt sind. Das macht einen Stromausfall nahezu unmöglich. Dann haben wir das Stromnetz von der Stadt. Da haben wir hohe Sicherheitsstandards, damit nichts passieren kann.

Wie wird das Personal in Sicherheitsfragen informiert, wie sieht das Briefing aus?

Was Sicherheit in meinem Ressort betrifft, bekommen die Mitarbeiter Instruktionen von ihren Einsatzleitern. Wir besprechen und diskutieren die sicherheitsrelevanten Punkte mit den Einsatzleitern, welche von uns einen Geländeplan, einen Postenplan, eine Liste mit Weisungsbefugten und sonstige Informationen bekommen. Die Einsatzleiter geben die Informationen an ihre Mitarbeiter weiter. 

Wie Informiert Ihr die Besucher über ein bevorstehendes Ereignis, z. B. eine Sturmwarnung?

Über unsere App und unsere Homepage, über Facebook und natürlich über die Screens vor Ort.

Gibt es eine Computersimulation bezüglich der Entfluchtungsdauer des Veranstaltungsgeländes?

Nein.

Was ist die normale Entleerungszeit für das Gelände?

Das hängt entscheidend vom Zeitpunkt ab! Wenn es voll ist, haben wir 40`000 Menschen auf dem Platz. Wir haben drei Notausgänge mit 4 bis 5 Metern Breite und die beiden normalen Ausgänge. Das Entleeren geht relativ schnell.

Gibt es getrennte Flucht- und Rettungswege für Besucher und Einsatzfahrzeuge?

An bestimmten Orten sind es die gleichen Wege. Da liegt es bei der Security, dies zu steuern. Je nach dem, ob der Weg für das Publikum oder die Sanität benötigt wird.

Schafft die Security das, wenn sich die Massen erst einmal in Bewegung gesetzt haben?

Grundsätzlich gehen die Personen auf demselben Weg hinaus, auf dem Sie gekommen sind, gehen also häufig einfach zurück zum Eingang. Das muss dann die Security steuern.

Wie seid Ihr im Bereich Kommunikation aufgestellt?

Einerseits benutzen wir das Funk- und Handynetz, zusätzlich verfügt die Einsatzzentrale von Polizei und Security über ein Festnetz-Telefon. Wenn Funk oder Mobilfunk aussteigen, dann haben wir immer noch das Festnetz in den Einsatzzentralen.

Gibt es eine gemeinsame Einsatzzentrale mit den Blaulichtorganisationen?

Wir haben eine Einsatzzentrale zusammen mit den Security-Unternehmen und der Feuerwehr. Die Kantonspolizei hat ihre eigene voll ausgerüstete Einsatzzentrale etwas abseits gelegen.

Wohin geht es mit dem Open Air Frauenfeld in Bezug auf die Sicherheit?

Ich würde sagen, wir sind extrem gut aufgestellt mit dem Thema Sicherheit. Es gibt jedes Jahr leichte Verfeinerungen des Sicherheitskonzeptes und vielleicht kleine Anpassungen, weil man neue Erkenntnisse dazu gewonnen hat.

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