Safeevent

Was wissen Veranstalter und Behördenvertreter über Crowd Management? Ab welcher Veranstaltungsgrösse macht ein Sicherheitskonzept Sinn, und was sollte darin mindestens enthalten sein? Andreas Mestka von der safeevent GmbH weiss Bescheid. 

Wie lange sind Sie schon im Bereich der Veranstaltungssicherheit tätig?

Ich habe vor über 20 Jahren beim Open Air St. Gallen als Helfer angefangen und bin dann um das Jahr 2000 stellvertretender Sicherheitschef geworden. 2005 ist mein Vorgänger eine Woche vor dem Festival zurückgetreten und ich bin nachgerutscht. 2007 habe ich mich dann selbstständig gemacht. Parallel zum Festival habe ich das Sicherheitskonzept der AFG-ARENA entwickelt und war bis 2013 Sicherheitsverantwortlicher der AFG-ARENA.

Wer schreibt die Sicherheitskonzepte bei Veranstaltungen?

Zum Teil die Behörden, zum Teil Private. Oft sind es Kollegen der Veranstalter, die bei der Polizei oder bei der Feuerwehr arbeiten und sich in ihrer Freizeit um die Sicherheit an Veranstaltungen kümmern. Hier stellt sich die Frage: Wer prüft auf diese Weise erstellte Sicherheitskonzepte? Welche Behörde ist überhaupt fähig, ein Sicherheitskonzept zu prüfen? In der Schweiz herrscht die Meinung, dass Feuerwehr und Polizei gleich Sicherheit sind – und das stimmt nicht. Feuerwehr gleich Feuersicherheit, Polizei gleich Straftatbestände, Verkehr usw. Für einzelne Teile einer Veranstaltung mögen die Behörden das Fachwissen mitbringen. Im Bereich Crowd Management sind aber nur ganz wenige ausgebildet – etwa Adrian Zemp von der Abteilung Crowd Management der Stadtpolizei Zürich. Die Stadtpolizei St. Gallen hat auch eine Bewilligungsstelle, die sehr viel Ahnung hat von dieser Materie. Aber in kleineren Gemeinden fehlt  meistens das nötige Fachwissen. 

Sollte das Ausbildungsniveau behörden- und veranstalterseitig erhöht werden?

Ja, genau. Bei einer kleinen Gemeinde sollte zumindest die Erkenntnis da sein, wann ein externer Experte hinzugezogen werden muss, der das Gesuch überprüft. Das wird ja beim Bau auch so gemacht. In St. Gallen zum Beispiel werden alle Fahrnisbauten durch einen externen Ingenieur abgenommen, weil bei der Stadt das Fachwissen fehlt. Beim Crowd Management und der Sicherheit sollte meiner Meinung nach gleich vorgegangen werden.

Was sollte in einem Sicherheitskonzept mindestens enthalten sein?

Eine saubere Risikoanalyse ist für mich eigentlich die Grundlage von allem. Dann sollten der Normalfall und der Notfallbetrieb als zwei verschiedene Blöcke beschrieben werden. Selbstverständlich gehören auch irgendwelche Pläne, auf denen z. B. die Notausgänge eingezeichnet sind, in ein Sicherheitskonzept. Besser als der Ausdruck Sicherheitskonzept gefällt mir der Englische Begriff Crowd-Management-Plan – der fasst alles zusammen: Staff planning, Risk analysis und Emergency planning.

Wenn Sie ein Sicherheitskonzept erstellen: Wie sieht die Zusammenarbeit mit dem Veranstalter aus?

Ich arbeite sehr stark grafisch; der Veranstalter muss mir vor allem einen Plan geben, aus dem hervorgeht, wie das Gelände aussieht, wo die Ein- und Ausgänge sind. Meist hat der Veranstalter schon fixiert, wo etwa die Bühne steht oder wo sich die Foodstände befinden. Wenn man dort, wo die Leute laufen, Pfeile einzeichnet, dann sieht man schon recht schnell, wo Probleme entstehen können. Später erwarte ich Infos wie erwartete Besucherzahlen, die Erwartungshaltung des Publikums sowie Alter, Musikrichtung usw. Später erstelle ich – als Teil der Risikoanalyse – eine Verhaltensanalyse des Publikums. Logischerweise ist bei einem Hip-Hop-Konzert ein anderes Verhalten zu erwarten als bei einem Metalkonzert. Aus dem Ticketing kann ein Postleitzahlenschlüssel gezogen werden, aus dem ich lesen kann, woher die Leute kommen, wie lange sie für die Anreise benötigen. Das ist wichtig für die Einlassplanung.

Ist ein Sicherheitskonzept ein notwendiges Übel für einen Veranstalter, oder erkennen die meisten, dass sie es benötigen?

Ein seriöser Veranstalter hat ein Sicherheitskonzept und jemanden, der für die Sicherheit verantwortlich ist. Ob das jetzt ein Vollprofi ist oder nicht, sei dahin gestellt. Veranstalter, die das Thema Sicherheit als notwendiges Übel betrachten und den lokalen Motorrad-, Schwinger- oder Hundeklub mit der Sicherheit beauftragen, halte ich für unseriös. Da müsste aus meiner Sicht auch die entsprechende Behörde einschreiten.

Gibt es Parameter, an denen man festmachen kann, ob eine Veranstaltung ein Sicherheitskonzept braucht oder nicht?

1000 Leute, die sich irgendwo auf freier Wiese in einem Festzelt ohne Seitenwände aufhalten, sehe ich als problemlos an. Wenn ich 1000 Leute in einer Turnhalle habe, die normalerweise nur fürs Turnen genutzt wird und nur einen Notausgang hat, dann ist es ein Risiko. Wenn ich eine Veranstaltung an einem geprüften Ort mache, z. B. im Zürcher Hallenstadion, macht es keinen Sinn, jedes Mal ein komplettes Sicherheitskonzept zu schreiben. Auch auf einer kleinen Veranstaltung mit nur 100 Personen kann ein Wind gefährlich sein, wenn etwas falsch läuft. Aber man muss auch da einen vernünftigen Rahmen finden und abwägen, wie tief das Sicherheitskonzept gehen soll.

Wie stellen Sie sicher, dass die im Sicherheitskonzept festgelegten Massnahmen auch umgesetzt werden?

Ich bin gerne selber vor Ort. Klar, ich könnte ein Sicherheitskonzept schreiben und dann zusammen mit meiner Verantwortung abgeben. Wenn es jedoch geht, dann führe ich vor Ort die Briefings durch, mache Stichproben und übernehme die Einsatzleitung. Im Weiteren helfen schriftliche Dokumentationen, Arbeitsanweisungen, Informationsblätter für Helfer usw. Es ist auch sinnvoll, den Helfern einen Geländeplan, die wichtigsten Informationen wie Notfallnummern, Sanitätsstandort usw. auszuhändigen. Auf jeden Fall machen stichprobenartige Kontrollen Sinn, bei denen man das Wissen und die Handlungsfähigkeit des Personals überprüft.

Wenn wir gerade beim Thema Kontrolle sind: Wie wird das Publikum gezählt?

Mit dem heutigen Ticketing ist das überhaupt kein Problem mehr. Die Scanning-Systeme bieten einen riesigen Vorteil. Da weiss ich genau, wie viele Leute auf dem Gelände sind. Beim Open Air St. Gallen verwenden wir ein elektronisches Zutrittssystem – da müssen die Besucher zusätzlich auschecken, wenn sie das Gelände verlassen. Da hat man einen noch genaueren Überblick. Für kleine Festivals lohnt sich dieser Aufwand aber kaum.

Bevorzugen Sie aufgezeichnete oder persönliche Durchsagen?

Ich arbeite bei den Konzerten sehr viel mit den Screens, über die ich visuell informieren kann. Generelle Warnungen und Hinweise kann man vorproduzieren. Wenn es darum geht, Menschenmassen zu leiten, ist die direkte Ansprache das richtige Mittel. 

Fordern die Behörden im Freien eine Notbeleuchtung?

Das ist ein Dauerthema. Ich finde nicht, dass eine Notbeleuchtung im Freien notwendig ist. Die Leute haben Handys, es gibt Taschenlampen – es sei denn, der Event findet irgendwo mitten im Wald statt. In einem Zelt braucht es auf jeden Fall eine Notbeleuchtung, im Freien nicht.

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