Schutz und Rettung Zürich - Sanitätsdienst

Das folgende Interview basiert auf einem Gespräch mit Roland Keller, Teamleiter Konzeption & Führungsunterstützung bei Schutz & Rettung Zürich (SRZ). Roland Keller ist dort unter anderem für die Planung des Sanitätsdienstes für Grossveranstaltungen in der Stadt Zürich verantwortlich.

Wer ist für die Organisation eines Sanitätsdienstes für Veranstaltungen verantwortlich?

Der Veranstalter im Rahmen des Sicherheitskonzeptes. Er ist auch für die Information von möglichen beteiligten Institutionen wie Seerettung, SRZ, Rega oder den umliegenden Spitälern verantwortlich.

Ab welcher Veranstaltungsgrösse wird ein Sanitätsdienst benötigt?

Dies hängt vom Veranstaltungsort, den Besucherzahlen, den zu erwartenden Risiken und weiteren Faktoren ab. Der IVR (Interverband für Rettungswesen) hat eine Richtlinie für die Organisation des Sanitätsdienstes bei Veranstaltungen publiziert, mit deren Hilfe Profis den Bedarf und die Ausgestaltung des Sanitätsdienstes berechnen können. In der Stadt Zürich wird ab einer Veranstaltungsgrösse von 10`000 Personen, die der Veranstalter im Formular «Gesuch für eine Veranstaltung» angibt, automatisch SRZ involviert. Im Kanton Zürich überprüft SRZ das Sanitätskonzept bei Veranstaltungen über 30`000 Besucher.

Gibt es eine Methode, mit der ich mir als Veranstalter einen ersten Überblick über den Bedarf eines Sanitätsdienstes verschaffen kann?

Eine in der Schweiz entwickelte App «Einsatzrechner Sanitätsdienst» oder über die «Maurer-Formel» kann ein erster Überblick verschafft werden. Eine Beratung ist jedoch meistens sinnvoll. Diese kann bei privaten Anbietern oder unter bestimmten Voraussetzungen auch bei uns erfolgen.

Wie wird ein Sanitätsdienst für einen Grossanlass organisiert? Welche Strukturen stehen dahinter?

In Zürich greifen wir auf die vorhandene Infrastruktur zurück und ergänzen diese je nach Bedarf. Das heisst, bestehende Wachen des Rettungsdienstes werden personell verstärkt und es werden weitere Fahrzeuge positioniert. Auf dem Veranstaltungsgelände kommen je nach dem Sanitätsposten, stationäre Rettungswagen und mobile Equipen hinzu. Personell arbeiten wir oft mit Partnerrettungsdiensten oder auch Samaritern zusammen. Bei grossen Events arbeiten wir in einer Stabsorganisation, die den gesamten Einsatz aus dem Taktischen Operationscenter heraus führt. Im rückwärtigen Dienst arbeiten zusätzlich viele weitere Personen, wie zum Beispiel unsere Logistikabteilung.

Wie und von welcher Stelle wird ein solcher Sanitätsdienst geführt?

Die Einsatzleitzentrale von SRZ ist am Flughafen Zürich stationiert. Dort gehen sämtliche Sanitätsnotrufe 144 sowie Feuerwehrnotrufe 118 ein. Für die verschiedenen Grossanlässe wird der Mitarbeiterbestand entsprechend aufgestockt. Bei der Street Parade kommen beispielsweise bis zu neun zusätzliche Calltaker zum Einsatz. Gleich neben der Einsatzleitzentrale ist das Taktische Operationscenter (TOC), von welchem aus der Stab den Einsatz führt und alle relevanten Entscheidungen trifft. Zur digitalen Einsatzführung benutzen wir das gleiche System wie unsere Kollegen der Stadtpolizei und sind so stets über die Lage vor Ort in Echtzeit informiert.

Was geschieht mit den vielen Personen, die beispielsweise auf der Streetparade zu viel Alkohol oder Drogen konsumiert haben?

Wenn es der Gesundheitszustand erlaubt, werden diese zur Ausnüchterung und Betreuung in eine spezielle Zivilschutzanlage gebracht. Oberstes Ziel dabei ist, die Spitäler zu entlasten und diese für Patienten welche eine dringendere medizinische Behandlung benötigen, freizuhalten. Unsere Einsatzkräfte haben leider immer wieder mit Gewalt und Aggression zu tun. Ein weiteres Problem stellt die Identifikation der Personen dar; die meisten kommen sehr leicht bekleidet und tragen keine Papiere bei sich.

Wie lange muss eine verunglückte Person auf den Sanitätsdienst warten?

Das kommt auf die Menschenmasse an und wo der Einsatzort genau ist. Der Interverband für Rettungswesen (IVR) gibt eine Zeit von maximal 15 Minuten zwischen Alarmierung und Eintreffen beim Patient vor. Bei Grossanlässen wie zum Beispiel Street Parade oder Zürifäscht können diese Zeiten während der Einsatzpeaks nicht immer eingehalten werden. Wenn immer möglich sollen die Patienten einen Sanitätsposten aufsuchen.

Erhält der Veranstalter nach Veranstaltungsende eine Rückmeldung vom Sanitätsdienst?

Der Veranstalter erhält ein detailliertes Reporting von SRZ, aus dem er beispielsweise Alkohol- und Drogenmissbrauchsfälle, Einweisungen ins Spital, Statistiken im Vergleich zum Vorjahr usw. entnehmen kann. Der Veranstalter kann durch häufige Verletzungsmuster oder Krankheitsbilder sein Sicherheitskonzept entsprechend anpassen. Bei vielen Schnittverletzungen durch Glasscherben sollte vielleicht der Glasanteil am Event verringert werden.

Wohin geht der Trend beim Sanitätsdienst für Veranstaltungen?

Veranstaltungen werden immer grösser, die Anforderungen an die Sicherheit immer komplexer. Einige Veranstalter haben mit finanziellen Problemen zu kämpfen. Der Sanitätsdienst ist nämlich für private Veranstalter, die Eintritt verlangen, kostenpflichtig. Generell geht der Trend aufgrund des Kostendrucks hin zu weniger sanitätsdienstlichen Leistungen. Das ist natürlich keine gute Entwicklung. Andererseits wäre ein Grossaufmarsch an Rettungskräften, den uns zum Beispiel Deutschland bei internationalen Sportveranstaltungen vormacht, in der Schweiz nicht denkbar. Der Besucher einer Veranstaltung setzt sich, ob bewusst oder unbewusst, immer einem höheren Risiko aus als zu Hause vor dem Fernseher.

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